Ufn
Oh FLINTA* nimm mich in Deine Arme
Erschienen in Schopf2 Poetry Magazin · von Melisa Mustafovic
Ein pointierter Essay über Alter, Wechseljahre und unsichtbare Care-Arbeit – vom Weg der »FUN-Zeit« zur »UnF...ableNanny-Zeit« und einer Bilanz, was ein freier Tag zum Mindestlohn wert wäre.
Ich bin dafür, dass wir im Akronym FLINTA* unter A auch alternde Frauen zusammenfassen. Neben mir fühlen sich gewiss nicht wenige alternde Frauen aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität einer mannigfaltigen Marginalisierung ausgesetzt. Die Situation spitzt sich besonders zu, wenn Sie eher als ältere Mutter ein Kind auf die Welt bringen. Der Weg von Mombie (Erschöpfung nach Geburt) zu (Prä-, Peri-, Post-)Menopaus(i)e (Ende der Fruchtbarkeit) ist verkürzt wie ein Scrum-Sprint. Es heißt so oft, die hormonelle Umstellung bringt bestimmte Beschwerden mit sich und kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Manchmal so sehr, dass Sie nach dem Leben Ihres (eventuell wenig unterstützenden) Partners trachten. Da haben Sie eine Dekade zwischen Ihrem 40. und 50. Lebensjahr, die ohne Humor nicht zu ertragen ist.
Mit dem verlangsamten metabolismus-geschuldeten hefeteig-gleichem Aufgehen Ihres Körpers gewinnen Sie an Resonanzkörper, so dass Ihr Lachen um ein Vielfaches an Dezibel Ihre Umgebung bezirzt, um Ihr Doppelkinn weniger in Erscheinung treten zu lassen. So wie die schlagfertige Thilia aus der Parallelklasse meiner Tochter zu sagen pflegt, wenn man ihr mit blöden, ihren wunderbaren Körper betreffenden, Sprüchen aufm Schulhof begegnet: »Die Schönheit braucht ihren Platz«. Du bist spitze, mein Kind, und wir sind alle schön!
Wie dem auch sei, aus der FUN-Zeit der 20- bis 40-Jährigen wird so allmählich die UFN-Zeit, ich nenne sie die UnF...ableNanny-Zeit. Sie sind mit der Kindererziehung und Ihrer Arbeit ausreichend beschäftigt, sehen nicht mehr frisch, gut oder gar strahlend aus, womöglich denken Sie nicht einmal an Ihre weibliche Freude und das letzte, womit Ihr Mann Sie assoziieren würde, ist eine MILF, das Gegenteil von UFN. So sind manche von uns (alternden Frauen) als UFNs schon eine Weile unterwegs. Eine Initial-Gemeinsamkeit mit dem UFO haben wir auch, wie Unbekanntes »Schaatz, Du hast Dich so verändert, seit wir uns kennengelernt haben«, Fliegendes »Du flitzt durch die Gegend wie Speedy Gonzales« und Objekt »Lass es dir von der Mama erklären/machen/basteln/bringen/organisieren« … I'm an alien, I'm a legal alien, I'm a woman in her late forties, oh FLINTA*, nimm mich bitte in Deine Arme.
Und hier ein konkretes Beispiel, was wir Frauen/Mütter/Fürsorgepflichtigen in den Winterferien so machen. Spoileralarm – wir chillen nicht. Ich habe mal ausgerechnet, was mein freier Tag meinen mitfürsorglichen Mann kosten würde, wenn er meine Care-Arbeit mit einem Mindestlohn vergüten würde. Und manchmal muss man es auch mit Zahlen ausdrücken. Seit dem 01.01.2025 beträgt der gesetzliche Mindestlohn 12,82 €. Und hier kommt die Liste der Aufgaben – mein Alter merkt man mir hier nicht an, ich funktioniere tippitoppi: morgens aufstehen, Kind wecken, Frühstück richten, Haushalt machen, mit dem Kind einkaufen gehen, Pizza essen in den Westarkaden, Eislaufen inkl. Schlittschuhverleih im Eisstadion, nach Hause kommen, Einkäufe einsortieren, Abendessen kochen, Zeit vorm Schlafen gehen mit dem Kind verbringen. Das wären insgesamt 10 Stunden Betreuungszeit, macht 128 €. Dazu noch 1 ½ Stunden fürs Putzen im Haushalt. Einkäufe für die kleine Familie im Discounter kommen auf bescheidene 30 €, eine Pizza für zwei inkl. Ayran und Salat im Schnell-Restaurant macht knapp 20 €. Schlittschuhverleih und Eintritt im Eisstadion klettern auf knapp 20 €. So habe ich an meinem freien Tag virtuelle 216 € verdient.
Je mehr Jährchen wir auf dem Buckel haben, desto mehr Care-Arbeit, irgendwann ist die Pflege der Angehörigen auch ein Thema. Social-Scoring gibt es hier zum Glück nicht, man denke nur an Chinas Sozialkredit-System. Und wenn es das in irgendeiner Form für die Care-Arbeit geben würde, wären die meisten Frauen virtuelle Millionärinnen.
Oh, FLINTA* zeige uns den Weg von der Paria-tät zu mehr Pari-tät.