Das gute Leben in Freiburg (und sonstwo)
Erschienen in Schopf2 Poetry Magazin · von Melisa Mustafovic
Ein Essay über Rezepte fürs gute Leben – zwischen Utopie, familiärem Gepäck, GhettOma-Sprüchen und der Umarmung eines trauernden Freundes im Freiburger Nachthimmel.
wer von uns wünscht sich denn nicht ein Rezept für ein gutes Leben? Zugegeben, die Vorstellungen können bei dem einen oder anderen Menschen unterschiedlich ausfallen. Die eine wünscht sich eine berühmte Autorin zu werden, so dass eines Tages selbst JK Rowling ihre Bücher verschlingen würde. Der potentielle Titel des Bestsellers: »Vampirfreundschaft bis(s) zum Ende«. Vom Erlös würde diese Autorin ihrer Mutter einen Bauernhof kaufen und einen Esel namens Gigi dahinstellen. Weil sich ihre Mutter selbst für eine Eselin hält und sich im hohen Alter mit ihr ähnlichen Lebewesen umgeben möchte (die Rede ist von meiner Tochter und mir). Außerdem wünscht sich diese Tochter auch deshalb Autorin zu werden, weil sie dann keinen Chef bzw. keine Chefin über sich hätte, etwas, worüber ihre Mutter ständig schimpft und was in den Augen der Tochter keine erstrebenswerte Position darstellt. Also, wäre der erste Schritt zum guten Leben, sich von bestimmten, auch finanziellen, Abhängigkeiten frei zu machen.
Der zweite Schritt wäre wohl, all das wieder gut zu machen, was man im Laufe seines Lebens verbockt hat. Welch eine Utopie, nicht wahr? Diese Tochter und ihre Mutter haben mal zusammen die Serie »My name is Earl« geschaut, in der es darum geht, die meisten oder schwerwiegendsten Jugendsünden und sinnlosesten Kleinstverbrechen an unseren Mitmenschen auszubügeln, in dem man den Geschädigten ehrlich ins Gesicht blickt und sich mit menschlichkeitsbezeugenden Taten entschuldigt. Damit hat man und frau seine und ihre positive Karmabilanz, also so etwas wie die Homöostase alias den Gleichgewichtszustand, erreicht. Hey, einfach mal »Entschuldigung« sagen, würde auch so manches glatt ziehen.
Was auch noch zum guten Leben verhelfen würde, ist der Schutz der Schwächeren. Ein konkretes Beispiel – die Mutter und Tochter haben ja auch eine Oma, die sie mittlerweile liebevoll »GhettOma« nennen, dazu ein paar Zeilen später mehr. Diese Oma wurde im Laufe ihres Ehelebens nicht auf Rosen gebettet, da ist so manche Male die Hand des impulsiven Mannes ungünstig ausgerutscht und auf wundersame Weise auf dem Frauenkopf gelandet. Bei dem letzten Ausrutscher hat es dann endgültig gereicht und die Oma hat ihre Kinder zusammengetrommelt und mit »holt mich hier raus« einen Schlussstrich gezogen. Einen geschützten Raum im Frauenhaus konnte sie aus Kapazitätsgründen nicht so schnell bekommen, außerdem hat sie vergessen, instagrammable Beweisfotos von Kopfverletzungen zu machen, diese wären der Sache bzw. der Forensik sehr dienlich gewesen, so ein Pech aber auch. Wir haben die Schieflage gelöst bekommen und plädieren innigst dafür, dass zum guten Leben auch der Schutz der Schutzlosen gehört. Und die Familie ist heilig, aber wenn es gar nicht mehr geht, sind die Fairness und der gesunde Menschenverstand gefragt.
Und jetzt zum GhettOma-Begriff – wenn man so viel auf die Birne abbekommt, ist diese vielleicht irgendwann nicht die hellste Kerze auf dem Lebenskuchen und entwickelt ein bestimmtes Enthemmtsein. Dieses drückt sich darin aus, dass einem schnell Wörter über die Lippen kommen, die sich auf »Astloch« reimen, um Unmut über die vor der Nase abgefahrene Straßenbahn auszudrücken oder aber auch auf »Nachttischlampe« reimende Bezeichnung für die aufm Spielplatz dominierende junge Mutter. Und wir können hinterher ja immer noch guteskarmabildend »'Tschuldigung« sagen, war gar nicht so schlimm.
Und was auf keinen Fall zum guten Leben fehlen dürfte, sind gute Freunde. Die, die Sie womöglich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen haben, weil sie weit weg wohnen, fast so weit wie der Weihnachtsmann in Rovaniemi, Finnland. Ein Wiedersehen mit ihnen erzeugt aber ein Gefühl der Nähe, als hätten sie erst gestern zusammen im Biergarten gesessen und Inselhopf getrunken oder im Café Atlantik Spaghetti Bolo gegessen. Wenn wir ein bestimmtes Alter erreicht haben, ist die unerträgliche Leichtigkeit des Seins der Jugend verflogen. Vor allem, wenn Ihr guter Freund um seinen Sohn trauert, den er vor 10 Monaten bei einem Motorradunfall verloren hat. Eine Traumatherapie hilft ihm, sagt er, mit Tränen in den Augen. Jetzt heißt es stark bleiben, Mitgefühl zeugen, Trost spenden. Die Augen bleiben nüchtern, auch wenn der Körper es nach so vielen Inselhopfen und Guinnesses nicht mehr ist. Sie verabschieden sich, drücken den Freund ganz fest, um mit ihm ihre Lebensenergie zu teilen. Sie bleiben stark. Nach der Umarmung gehen sie mit zügigen Schritten auf Ihr Fahrrad zu, schwingen sich darauf in Richtung Zuhause und die Tränen fließen enthemmt übers Gesicht, so schnell wie der GhettOma die bösen Wörter dem Mund entfliehen. Es macht aber nichts, es ist nachts, niemand sieht es und niemand hört auch das Schluchzen, weil in der Ferne die Freiburger Messe die Leuchtraketen zündet.
Und Sie wissen, dass zum guten Leben auch die cojones gehören, die kaputte Familie, die durch Schicksal versehrten Freunde und auch diejenigen zu lieben, die wir vielleicht gar nicht lieben sollten. Und nicht wie die Schwestern, die ich einst kannte, nichts und niemanden um sich haben wollten, damit sie ja nicht ihr Herz an den Falschen verlieren … dadurch blieb ihr Herz so weiß, wie ein unbeschriebenes Blatt.