Liebesbrief an meinen Verschmäher
Erschienen in Schopf2 Poetry Magazin · von Melisa Mustafovic
Literarische Fassung des Essays – erschienen zuerst in der InZeitung, Ausgabe 42.
Lieber R,
Dein Name klingt so charmant mit seinem l'accent aigu und so verheißungsvoll, als würdest Du an einem Frühlingsmorgen an der (für die bevorstehenden Olympischen Sommerspiele gründlich gereinigten) Seine auf mich warten, mit einer weißen Rose in der Hand, um mit mir eine »Amour fou« wie »die Liebenden von Pont-Neuf« zu erleben. Na ja, etwas Obdachlosigkeit empfinde ich schon, wenn ich an Deine jüngsten Äußerungen denke. Wer den Film kennt, wird verstehen, was ich meine. Aber dazu komme ich noch. Ich sollte wohl von vorne anfangen. Unsere gemeinsame Zukunft habe ich mir so schön und harmonisch vorgestellt. Ich, eine spontane Frau exotischen Ursprungs, und Du, ein solider Mann mit einer soliden Ausbildung, ein bodenständiger Berliner Junge. Und ich liebe Berliner, die sind so zuckersüß.
Du musst verstehen, ich war regelrecht schockiert, als ich Dein X-Zitat gelesen habe, nachdem die am 10. Januar veröffentlichte Correctiv-Recherche zu geheimen Plänen medial hohe Wellen geschlagen hat. Es waren wohl ein paar Deiner Parteigenossen, die sich den »identitären« Masterplänen in ihrem exklusiven Treffen am 25. November 2023 bedient haben, um ihre Zielrichtung für die kommenden Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg vorzugeben.
Es ging wohl um konkrete Überlegungen, »um die Ansiedlung von Ausländern rückabzuwickeln«, als würde es sich um die Rückabwicklung hochradioaktiver Abfallstoffe handeln, nach der Stilllegung eines Kernkraftwerks. Die Parallelen sehe ich durchaus: Für das Wirtschaftswunder Deutschland der 50er und 60er Jahre war jede Energiequelle recht und gut, aber die daraus entstandenen und unerwünschten Komponenten bedürfen nun eines Endlagers. Für Asylbewerber, Ausländer mit Bleiberecht und »nicht assimilierte Staatsbürger« war wohl ein »Musterstaat« in Nordafrika angedacht, um einen Ort zu haben, wo man Leute »hinbewegen« könne. Allein beim Wort Assimilation sträuben sich mir die Haare, weil ich dabei unvermittelt an die Borgs aus Star Trek denken muss, die mit ihrem kybernetischen kollektiven Bewusstsein und Assimilationswahn jede Individualität und vor allem Menschlichkeit absprechen, diese »Miesepeter der Galaxie«.
Du kannst Dir denken, eine verschmähte Frau entwickelt unglaubliche Superkräfte. Meine Kräfte beziehe ich durch meine Familie mit Migrationsbiografie. Neun davon sind in Alten- und Krankenpflegeberufen unbefristet eingestellt. Warum wohl? Weil es sich um Mangelberufe handelt und die Fachkräfte dort händeringend gesucht werden. Mit ihnen übe ich kräftig die Artikel 3, 16 und 21 des Grundgesetzes.
Lieber R, wir sind ungefähr gleich alt. Was glaubst Du, wessen Allerwertester in dreißig Jahren besser gepflegt und gehegt wird, Deiner oder meiner? Ich glaube, Du wirst dann Deine After-Work-Party eher alleine feiern oder höchstens bei einem Proktologen, denn der kümmert sich liebevoll um jeden A (hatschi, Entschuldigung, musste gerade niesen) alternder Zeitgenossen. Um es mit Deinen Worten zu sagen: »Das ist kein Geheimplan. Das ist ein Versprechen.«