Bunt ist sie, wie ein Blumenstrauß
Erschienen in InZeitung, Ausgabe 49 · von Melisa Mustafovic
Ein Porträt der Mutter zwischen Sulzburg und Doboj – über aprikosenfarbene Mäntel, Blicke als Kryptowährung und das leise Ich hinter der bunten Oberhäuptin.
Langer, aprikosenfarbener Mantel und kurze, rote Haare, stets gut frisiert. So kam sie aus dem Gemeindehaus der frühen neunziger Jahre die schmale Gasse entlang auf die „Öko-Promenade“ in Sulzburg. Alle Blicke auf sie gerichtet, ging sie unbeirrt zum Bäcker. Die alemannisch sprechenden Verkäuferinnen beäugten sie ungläubig, in ihren Augen Fragezeichen und die lautlosen Gedanken „wer putzt sich scho' so fei' rüs, um e' paar Brötle z'hole'“, um dann wieder ins Hörbare und Höfliche „was hä'n Sie denn gern?“ zu wechseln. Ein charmantes Lächeln, Deutsch mit bosnischem Akzent, höflich aber bestimmt, bestellte die bunte Frau ihre Brötchen. Wie ein Theaterstück in drei Akten: knalliges Erscheinen auf der Bühne, Sprecheinsatz mit Brötchen-Klimax und schwungvoller Abgang, knusprige Essenz in scheinbar Alltäglichem. So war sie und so ist sie immer noch. Meine Mutter. Laut, rothaarig, Strasssteine auf der Jeansjacke, blumige Kleider, grelle Sportshirts, leuchtend rosa Turnschuhe, fit in ihrem siebten Jahrzehnt. Angst vor vielen fremden Blicken hatte sie nie, ganz im Gegenteil, sie genoss und genießt sie so sehr wie ein Durstiger in der Freiburger Hitzewelle eine erfrischende Apfelschorle. Das war schon in Doboj so, unserer Heimatstadt, genährt von drei Flüssen. Da kleideten sich die Frauen fließend um die Wette. Schuhe mussten zum Gürtel, der Gürtel wiederum zur Tasche und die Tasche zum Rock passen. Rock, wohlgemerkt, keine Hosen. Frauen, die was auf sich hielten, trugen keine Hosen (nur die Burschikosen trugen Hosen). Die Blicke anderer Männer waren eine unsichtbare Währung, eine Art Kryptowährung, da auch verschlüsselt und leicht im Verborgenem austauschend, fernab der Göttergatten genießbar. Je mehr davon, desto reicher die Blickempfängerin. Ein Trost dafür, dass der eigene Mann seine Augen den jüngeren, frischeren, aber nicht unbedingt schöneren, Frauen geschenkt hatte.
Mich hat dieses Optik-Balz-GewinnSpiel nie besonders beeindruckt, nicht einmal als Teenager, wenn einem alles wichtig erscheint, um sich einen vermeintlichen Evolutionsvorteil für die spätere erfolgreiche Paarung zu sichern. Vom Kriegswinde verweht, hat uns das Sulzburg der frühen Neunziger als Flüchtlingsfamilie warmherzig und unvoreingenommen aufgenommen. Seine Menschen, wie in der Pluribus-Serie, alle im gesunden Ökogleichschritt, gute Laune verbreitend, stets bemüht, uns, die miesepetrigen Zugegozenen, mit der fein gekleideten Oberhäuptin, ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Der einzige, der es bei mir geschafft hat, war der aus den USA für den kurzen Besuch angereiste Enkelsohn der Baba (Oma) Reich, der beim gemeinsamen Mittagessen schweigsam seine Suppe löffelte und vermutlich wegen zu viel Pfeffer so dolle niesen musste, dass ihm dabei ein sattgrüner Riesenrotz aus der Nase direkt in die Suppe hüpfte. So viel zur Optik.
Was blieb: je knalliger die Oberhäuptin mit ihrer femininen-DNA, die mich dieser Welt schenkte, desto unauffälliger mein damaliges 16-jähriges Ich, welches sich stets und gelungen versteckte. Das habe ich vielleicht dem damaligen, auf die ungerechte Welt wütenden, trostspendenden Grunge zu verdanken. Auch heute noch fällt es mir schwer, zu glänzen. Und der Glanz ist bestimmt sehr verlockend.