Arbeiterkind – Neue Höhenflüge
Neuanfang
Erschienen in InZeitung, Ausgabe 43, kasno ljeto 2024 · von Melisa Mustafovic
Über den eigenen Weg als erste Studierende in der Familie, soziale Durchlässigkeit und die Initiative Arbeiterkind, die Jugendlichen aus Nichtakademikerfamilien den Weg an die Hochschule ebnet.
Ich bin die erste in meiner Familie, die studiert hat. Ich erinnere mich noch gut an die Odyssee mit dem BAföG-Antrag, der zunächst abgelehnt wurde, damals mit der Begründung, dass meine Eltern zwar berufstätig waren, aber keinen gesicherten Aufenthaltsstatus hatten. Und an die vielen Jobs, die ich neben dem Studium gemacht habe, um meine Finanzen aufzubessern. Vom Zimmermädchen im Hotel in der Freiburger Innenstadt über Bäckereiverkäuferin (sonntags früh aufstehen, uff), Aushilfe auf der Uhrenmesse, Bürohilfe in einer Unternehmensberatung und schließlich studentische Hilfskraft an der Uni war alles dabei. Und doch war ich auch nach dem erfolgreichen Abschluss meines Studiums ständig von der Unsicherheit begleitet, nicht gut genug für einen guten Job zu sein, weil ich nicht den richtigen Dresscode und das richtige Benehmen hatte und wahrscheinlich auch nicht die »richtigen« Leute kannte.
Ex-Siemens-Chef Joe Kaeser kann ein Lied davon singen, wie er es als Arbeiterkind an die Spitze eines der größten deutschen Unternehmen geschafft hat. Ein raketenhafter sozialer Aufstieg. Kaeser selbst beklagt einen Rückgang der Aufstiegschancen. Unter den heutigen Bedingungen wäre eine Karriere wie die seine nicht möglich gewesen. »Nicht die Reichsten, sondern die Klügsten sollten studieren«, sagt er. Der Staat müsse die soziale Durchlässigkeit gezielt fördern, sonst gehe ihm ein erhebliches Potenzial an Humanressourcen verloren.
Sorge nimmt sich die Initiative Arbeiterkind dieser Themen an, die die Schülerinnen und Schüler aus Nichtakademikerfamilien ermutigt, bei Interesse und Eignung ein Hochschulstudium aufzunehmen. Die 6000 Ehrenamtlichen sind in 80 Ortsgruppen, auch in Freiburg, auf dem besten Weg, den Arbeiterkindern zu neuen Höhenflügen zu verhelfen.
Nach Sozialerhebungen aus drei verschiedenen Quellen, u.a. des Statistischen Bundesamts, ist der Anteilsdurchschnitt 83 von 100 Kindern aus Akademikerfamilien, die ein Studium aufnehmen, aber nur 23 von 100 Kindern aus Nichtakademikerfamilien. Als Hemmnis wird vor allem die finanzielle Belastung während des Studiums gesehen, schließlich verdient man jahrelang kein Geld. Hinzu kommt ein Informationsdefizit darüber, wie ein Studium abläuft und was ein Abschluss in der Tasche überhaupt bringt. Nicht, dass der Nachwuchs, in den viel investiert wurde, zum Taxi- oder Uber-Fahrer wird.
Hier kommt die Initiative mit ihrer Beratung genau richtig, denn sie unterstützt nicht nur bei der Berufsorientierung in der Schule und während des Studiums, sondern auch beim Berufseinstieg nach dem Abschluss. Und wer sich berufen fühlt, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, kann auch selbst Mentor/in werden.
Als ich vor 30 Jahren die Schulbank drückte, hätte ich, mit meinem Migrationshintergrund, eine solche Unterstützung gut gebrauchen können. Denn anders als in der Mathematik ergibt sich im Leben aus Minus mal Minus selten ein Plus. Ich brauchte dann schon die Kraft der zwei Herzen, wie es in einem bekannten Werbespot heißt.