Sombrerohüte und Hitze
Erschienen in InZeitung · von Melisa Mustafovic-Brüstle
Von der BUGA in Mannheim zu Toni Morrison und dem Reinheitsgebot: ein Essay über kulturelle Aneignung, Rastazöpfe, Karl May und die Gefahr kultureller Vereinheitlichung.
Der mexikanische Hut Sombrero [span. sombra = Schatten] sorgte im Frühjahr in Deutschland für hitzige Diskussionen rund um das Thema kulturelle Aneignung. Der Auftritt der AWO-Seniorentanzgruppe auf der Bundesgartenschau in Mannheim wurde optisch so angepasst, dass der anfängliche Vorwurf der kulturellen Übergriffigkeit entkräftet wurde. Der Schattenhut der feuchtfröhlich tanzenden Omas musste weg, um die eigentliche Veranstaltung zu werten. In Zeiten der globalen Klimaerwärmung wären breitkrempige Sombreros gegen Sonnenstich und Sonnenbrand keine schlechte Idee. Denn zu viel Röte im Gesicht könnte vielleicht noch als Aneignung indianischer Ureinwohnerkultur empfunden werden.
Nun sollte sich die Mehrheitskultur in unserer aufgeklärten Gesellschaft nicht unreflektiert der Optik und der kulturellen Codes der Minderheitskultur bedienen. Darüber nachzudenken ist legitim. Denn wie der US-amerikanische Kulturtheoretiker Greg Tate vor gut 20 Jahren in seiner Essaysammlung Everything but the Burden schrieb, bedient sich die US-amerikanische Dominanzkultur des afroamerikanischen kulturellen und geistigen Erbes, ohne dessen durch Sklaverei und systematische Diskriminierung verursachten Schmerz nachzuempfinden, ja mancherorts nicht einmal verstehen zu wollen. Sie wollen eben alles Gute außer der Last. Wer aber Toni Morrisons Menschenkind und Alice Walkers Die Farbe Lila gelesen und Billy Holidays Strange Fruit gehört und verstanden hat, wird den Schmerz sehr wohl kennen und die literarische Kraft und den herzzerreißenden Blues anerkennen.
Es aber auf die Spitze zu treiben und dogmatisch zu vertreten, dass Rastazöpfe nicht auf weiße Köpfe gehören, würde neben weniger eleganten Ausladungen und abgesagten Konzerten auch die vorhandene Anerkennung und Solidarität des Publikums mit bestimmten Subkulturen negieren. Und damit kommen wir zu unserer Kernaussage, dass eine inflationär geführte Diskussion über kulturelle Aneignung allmählich zu einer kulturellen Vereinheitlichung führen kann. Wir Menschen haben uns schon immer gegenseitig beeinflusst und inspiriert, auch über Ländergrenzen hinweg, man denke nur an die vielen Kochrezepte aus aller Welt, die wir gerne nachkochen, weil sie schön sind und gut schmecken. Wirtschaftliche Verflechtungen führen zwangsläufig zu Vermischungen auch im sprachlichen und kulturellen Bereich, wir lernen so viel voneinander und kopieren so viel, in Musik, Mode, Sport und Tanz. Kulturelle Abschottung aus vermeintlich edlen Motiven würde uns in eine kAkA-Entwicklung führen, in der die oft proklamierte kulturelle Aneignung in kultureller Armut endet.
Der Mann an meiner Seite hätte nach heutigen Maßstäben keine glückliche Lesekindheit mit Karl May und Winnetou gehabt. Meine Freundin Tina hätte nicht im Kölner Karneval zu Olaf Hennings Cowboy und Indianer tanzen können. Mein ehemaliger Mitbewohner Evariste hätte sich nicht leidenschaftlich dem Tango Argentino hingegeben, weil dieser Tanz aus den Armenvierteln von Buenos Aires stammt und wir ihren im Tanz erfundenen Liebesschmerz nicht für uns beanspruchen dürfen. Und Gesine hätte so manches entspannte Reggae- und tanzwütige Drum'n'Bass-Konzert verpasst, wenn es nicht weiße Nachahmer gegeben hätte.
Gegen mehr kulturelle Homogenität hätte eine deutsche Partei mit dem A im Namen wohl nichts einzuwenden. In Sonnenberg wähnt man sich auf der Sonnenseite des Lebens. Aber wollen wir mit dem falsch verstandenen Reinheitsgebot wirklich dorthin? Das Reinheitsgebot dulde ich übrigens nur für deutsches Bier.