Geflohen, vertrieben, abgeschoben, eingeladen
Dunkle Wolken über Landwasser
Erschienen in InZeitung, Ausgabe 18 — Весна/Лето 2016 · von Melisa Mustafovic
Freiburg-Landwasser feiert 50. Geburtstag – und ein überraschend starkes AfD-Ergebnis. Ein Blick auf die Spätaussiedler, die »hidden champions« der Integration, und ihre bewegte Geschichte.
Der Freiburger Stadtteil Landwasser feiert dieses Jahr seinen 50. Geburtstag. Und seine knapp über 7000 Einwohner, darunter eine nicht geringe Zahl an MigrantInnen, feiern mit. Was in den 1960ern eine Wald- und Sumpflandschaft namens Landwassermatte im Zuge der Urbanisierung abgerungen wurde, kann man heute noch in Straßennamen wie Auwaldstraße erkennen. Freiburgs westlicher Stadtteil ist mit den Naherholungsgebieten Mooswald und Moosweiher fein bestückt. Einerseits dicht bebaut und andererseits ziemlich grün. Dass man hier nicht Moos darüber wachsen lässt, sondern auch einen steten Wandel erlaubt, ist erfreulich, auch demografisch gesehen. So ist Landwassers Bevölkerungsmix recht bunt. Das birgt Chancen und Risiken für eine Großwohnsiedlung.
Bei den jüngsten Landtagswahlen bekam die AfD in diesem Stadtteil mehr als zwanzig Prozent der Stimmen, überproportional viel, verglichen mit anderen Freiburger Stadtteilen. Ist die Lage besorgniserregend, da aus tiefer Überzeugung gewählt wurde? Aus Sorge um den vermeintlichen Sittenverfall? Oder war es Protest gegen die subjektiv erlebte Raumknappheit? Der subjektiv verkürzte Zugang zum Arbeitsmarkt? Auf jeden Fall ist das Ergebnis unerwartet, wenn man bedenkt, dass fast die Hälfte der BewohnerInnen MigrantInnen, eingebürgerte Deutsche aus aller Welt und Spätaussiedler sind. Die Letzteren machen knapp zwölf Prozent der EinwohnerInnen aus.
Bekannt ist, dass sie unter Einfluss der russischen Medien stehen, die ihre deutschlandfeindliche Propaganda in letzter Zeit auch extra auf das Thema Russlanddeutsche richten. Auf das Thema jüngste Wahlergebnisse reagiert meine gute Bekannte Natalja mit Empörung: »Das finde ich beleidigend. Nicht alle Spätaussiedler wollen und können sich mit Parteiinhalten der AfD identifizieren, ich zumindest nicht. Bitte nicht alle über einen Kamm scheren.«
»Sicherlich gibt es auch unter den Spätaussiedlern Personen, die AfD gewählt haben, aber ich hoffe wirklich sehr, dass es nur eine geringe Anzahl ist. Da es nicht lange her ist, dass wir oder/und unsere Eltern selbst aus vielen Gründen aus der ehemaligen Sowjetunion geflohen sind. Weil wir die Chance auf eine bessere Zukunft für uns und unsere Kinder erkannt haben und die Möglichkeit, nach Deutschland auswandern zu können, genutzt haben. Viele, wahrscheinlich sogar die meisten, haben es geschafft, hier einen Neuanfang zu starten und ein Leben aufzubauen. Wir gehen arbeiten, verdienen Geld, wir bieten unseren Kindern ein schönes Zuhause, gutes Essen, nicht zuletzt eine exzellente Bildung! Uns geht es gut! Und genau aus diesem Grund bin ich überzeugt, dass die meisten von uns mit eigenen Ängsten gut umgehen können, die Situation richtig einschätzen, den Verstand benutzen und nicht die AfD wählen. Wir sind alle ›nur‹ Menschen! Es gibt keine besseren oder schlechteren. Wenn es um die Flüchtlingspolitik geht, bin ich mir sicher, dass viele von uns den Neuankömmlingen helfen möchten, sich hier in der neuen Heimat zu integrieren.«
Wer sind aber diese Menschen, die Spätaussiedler? Einige habe ich kennengelernt: der flinke Krankengymnast im Eugen-Keidel-Bad, der nebenberuflich eine Weiterbildung macht. Katharina, die engagierte Altenpflegerin, die für jedes Problem eine Lösung parat hat. Die Baba Emma aus Kasachstan, die um ihren tatarischen Mann trauert und die sich ihrer emotionalen Entwurzelung stellen muss. Die gute Freundin, die für eine Exzellenzeinrichtung der Universität Freiburg die Verwaltung übernimmt …
Die Russlanddeutschen gelten eigentlich als die hidden champions der Integration, wenn man deren Zahl von 4,5 Millionen der seit 1950 in Deutschland Zugewanderten in Betracht zieht. Eine Bevölkerungsgruppe, die historisch harte Schicksalsschläge ausgesetzt war und politisch oft wie eine leblose Manövriermasse behandelt wurde.
Zurückverfolgen lässt sich die Odyssee der Aussiedler bis ins 18. Jahrhundert, als die deutschstämmige Katharina die Große mit ihrem Einladungsmanifest in deutschen Landen um Siedler warb, um unbewohnte Landstriche entlang der Wolga und später am Schwarzen Meer zu bevölkern. Dem Lockruf von sagenhaften 30 Jahren Steuerfreiheit, finanzieller Starthilfe, lokaler Selbstverwaltung mit Beibehaltung der deutschen Sprache und Religionsfreiheit sowie der Befreiung vom Militärdienst folgten viele arme Bewohner der Rheinprovinz, Nordbayerns und Nordbadens, der hessischen Gebiete und der Pfalz.
Nach der beschwerlichen Reise bot sich den Ankommenden ein anderes Bild, denn nur mit viel Mühe konnte das Land urbar gemacht werden. Nach und nach ließ sich jedoch eine Existenz aufbauen. Die versprochenen Privilegien bezweckten ihren Teil, die Bevölkerung wuchs stetig. »Um dem Neid vorzubeugen«, wurde im 19. Jahrhundert die bisherige Selbstverwaltung der deutschen Siedlungen aufgelöst, die deutsche Sprache aus der Schule und dem öffentlichen Leben verbannt und der Militärdienst wurde zur Pflicht. Die Abwärtsspirale verstärkte sich mit der antideutschen Stimmung im Ersten Weltkrieg und mit Hungersnöten. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden die deutschen Siedler aus den europäischen Teilen der Sowjetunion überwiegend nach Sibirien, Kasachstan und an den Ural zwangsumgesiedelt, »um eine mögliche Kollaboration mit Nazi-Deutschland zu verhindern«. Sie lebten in Sondersiedlungen und wurden in der Arbeitsarmee eingesetzt. Die Russlanddeutschen wurden erst Mitte der 60er Jahre in einem geheimen Dekret des Obersten Sowjets rehabilitiert und durften fortan in die Bundesrepublik ausreisen, aber nur wenige haben es damals gewagt. Erst seit Michail Gorbatschows Politik der Glasnost und Perestroika in den 80ern und Helmut Kohls Anstrengungen der Zusammenführung nach der Wende bot sich ihnen wirklich ein Fenster zur Welt im Westen, in der alten Heimat.
Eine im wahrsten Sinne des Wortes bewegte Geschichte: Deutsche als Willkommen-Migranten, als Flüchtlinge, als Gastarbeiter, als Vertriebene, als Abgeschobene und … als nach Deutschland Eingeladene.
Diese Geschichte hat in den Mentalitäten vieler Aussiedler Spuren hinterlassen; das jahrzehntewährende Verbot der eigenen Sprache, ja der eigenen Mündigkeit und dazu noch das Kleingehaltenwerden in Randsiedlungen. Leider war für Viele das Ankommen in Deutschland auch eine Enttäuschung: Sie hatten ihre Privilegien, vor allem die sofortige Einbürgerung und damit auch das Wahlrecht. Jedoch weder Medien noch die Bevölkerung hat sie als alte Verwandte anerkannt: zusammen mit anderen Migranten gehörten sie in die Kategorie fremd.
Vielleicht ist dies ein Grund, warum sich die in Deutschland zugewanderten Aussiedler nach Beständigkeit sehnen und Veränderungen mit oft Ängste auslösen. »Langfristige Integrationsprojekte sind von Vorteil sowohl für die alteingesessenen Aussiedler in Landwasser, wie auch für die Neuankömmlinge, die Flüchtlinge«, sagt Lena Lytvynenko, die Leiterin einer Initiative im Haus der Begegnung in Landwasser.