Unbekümmert
Erschienen in InZeitung, Ausgabe 17 — Χειμώνας 2015/16 · von Melisa Mustafovic
Von Kusturicas »Time of the Gypsies« zur Hausaufgabenbetreuung für Flüchtlingskinder – und einem Satz, auf den es keine Antwort gibt.
Alles begann mit einem Lied, das ich als Jugendliche in Emir Kusturicas Film »Time of the Gypsies« gehört habe. Abenddämmerung, Fackellicht, Spiegelung des bunten Treibens im Wasser und die Gänsehautmusik … unvergesslich. Diese Szene mit der Ederlezi-Hymne im Hintergrund beschreibt das Frühjahrsfestival der Roma auf dem Balkan, wo ich auch herkomme.
Für mich hatte dieses Zusammenspiel etwas Unbekümmertes und Lebensbejahendes. Und ich wollte mich dieser Welt im erwachsenen Alter nähern. Dann aber eher auf eine praktische Art und Weise. Ich habe mich als Ehrenamtliche gemeldet, einmal die Woche Hausaufgabenbetreuung in Deutsch und Mathe für Flüchtlingskinder, meistens Roma aus dem Kosovo und Serbien. Dem Verspielten, Sorglosen und Lebensbejahenden begegnete ich auch hier, eine ganze Palette: eine winzige Mathe-As-Dame, im Kopfrechnen schneller als der erfahrenste Ober, eine allseitig begabte Teenagerin, die ihren Mitschülern auf die Sprünge hilft, aber auch oft genug mit ihrer geistigen Überlegenheit spielt, Fußballexperten und begnadete Finger-trippelnde-auf-allem-was-Resonanz-erzeugt Trommler … Die Gutmütigen, die Frechen, die Schweigsamen, die Wilden, alle waren sie da. Wenn sie mit ihren Hausaufgaben fertig waren, spielten wir die verbliebene Zeit mit den Kindern Memory, Uno oder einfach Malen. Ein Stimmengewirr gefangen im Gordischen Knoten, bis wir uns auf eine Sache geeinigt hatten.
Einmal in einer ruhigen Minute beschloss ich, ihre Kindergesichter zu malen, es gefiel ihnen, und plötzlich stand eine Schlange von willigen Modellen vor mir. Sie alle wollten so eine Zeichnung mit nach Hause nehmen, für die Schwester, den Bruder, die Cousins … Eine Woche später kam eine aufgeweckte Schülerin auf mich zu und wollte nun ein zweites Mal gemalt werden, da hatte sie sich ihre Haare anders gebunden. »Seit einer Woche hast du dich nicht groß verändert«, meinte ich scherzhaft zu ihr, »das machen wir lieber in ein paar Jahren wieder«. »Ja, aber bis dahin bin ich abgeschoben«, antwortete das Mädchen spontan …
und ich wusste nicht mehr, was ich darauf sagen sollte.