Der Welt etwas Hoffnung schenken
Ein Besuch beim Robert Bosch College Freiburg
Erschienen in InZeitung, Ausgabe 16 — Jesen 2015 · von Melisa Mustafovic
Auf dem Gelände eines ehemaligen Kartäuserklosters lernen 200 Jugendliche aus mehr als 80 Nationen zusammen – ein Besuch beim UWC Robert Bosch College mit Internatsleiterin Helen White und dem Schüler Sajjad aus Pakistan.
Auf Anhieb sieht man den interessanten und gelungenen Kontrast eines ehemaligen Kartäuserklosters und einem Dutzend neuer Häuser, die den Hügel zieren. Hier ist eines der weltweit 14 United World Colleges (UWC), das ein zweijähriges internationales Abiturprogramm anbietet, angesiedelt. Ich habe mich hier für ein Gespräch mit Helen White, der Internatsleiterin, verabredet.
Über verschiedene berufliche Stationen, unter anderem am UWC in Italien und Salem am Bodensee, kam Helen White nach Freiburg. »Wir haben im ersten Jahr mit 100 Schülern und etwa 20 Lehrkräften angefangen und waren noch von Baustellen umgeben. Jetzt haben wir etwa 200 Schüler aus mehr als 80 Nationen, die ganze Welt versammelt an einem Ort«, sagt sie mit Stolz.
So wie es bei einem Internat nun mal ist, wohnen die Schüler auf dem Campus in acht zweistöckigen Häusern, die Lehrer verteilen sich auf die anderen vier Wohnhäuser. Dies soll Nähe und regen Austausch untereinander ermöglichen. Die eigene Familie ist doch weit weg. In jedem Zimmer sind vier Schüler zwischen 16 und 19 Jahren untergebracht, ein deutschsprachiger und drei aus möglichst unterschiedlichen Ländern, »um die internationale Verständigung zu fördern«, so Helen. Wir gehen an einer gemütlich grasenden Schafherde vorbei. »Unsere Rasenmäher«, sagt Helen, »das Gelände ist zu steil für die Maschinen«. Soviel Idylle und Platz zum Austoben, dass man sich fragt, wie die Schüler überhaupt noch ein Buch oder eine Internetseite aufmachen wollen.
Inwiefern bestimmen elitäre Strukturen den Ablauf?
Helen White: Wir haben einen hohen Anspruch, was die Gesamtausbildung betrifft, sind aber offen für Schüler aus sozial schwachen Milieus, da sie ja Stipendien erhalten. Es sind auch ein paar Plätze für Flüchtlingskinder vorgesehen.
Die Schüler bewerben sich proaktiv. Auswahlgespräche werden ausschließlich in den Herkunftsländern durchgeführt. Ein standardisiertes Bewerbungsverfahren existiere nicht, und ein Land wie Äthiopien setze andere Schwerpunkte als Venezuela oder Deutschland. »Eine gute Grundausbildung ist wichtig. Die Persönlichkeit wird besonders unter die Lupe genommen. Offenheit für Neues, liberale Ansichten, Entschlossenheit, Engagement sowie Eigeninitiative werden sehr geschätzt«, ergänzt Helen.
Das Ankommen in der neuen Umgebung ist sicherlich eine Herausforderung, so Helen. Manche Schüler seien echte Anpassungsprofis, andere, die anfangs nicht so gut Englisch sprechen, brauchten etwas länger. »Aber es sind junge Leute … sie saugen Wissen auf wie ein Schwamm.« Sie verbringen zwei Jahre hier und schließen mit einem International Baccalaureat (IB) ab.
Wenn die Schüler diesen Ort verlassen, sind sie dann gut vorbereitet auf draußen?
Helen White: Nun ja, sie hatten auch ein Leben vor dem UWC. Wir ermutigen sie, zusätzlich zu ihrem Schulunterricht verschiedene soziale Praktika zu absolvieren und sich somit dem ›echten‹ Leben zu stellen. Wir haben auch ein Gastfamilienprogramm für internationale Schüler. Je nach Voraussetzungen werden Familien in Freiburg und Umgebung mit unseren Schülern ›gematcht‹. Das ist manchmal wie ein Blind Date.
Über Chancengerechtigkeit habe ich mich im Gespräch mit Sajjad, 19 Jahre, aus Pakistan überzeugt. »Ich kam als minderjähriger Flüchtling nach Deutschland und blieb zunächst eine Zeit lang in Karlsruhe.« Sajjad lernte schnell deutsch, war sehr früh bereit, viel zu leisten. »Ich habe ein Video über das UWC geschaut und mich entschieden, mich von Deutschland aus zu bewerben. Lange Zeit hörte ich nichts und dann plötzlich im Sommer 2014, nur sechs Tage bevor das neue Schuljahr begann, bekam ich eine Zusage. Der Anfang war noch etwas holprig, aber ich habe mich angestrengt. Auf mein erstes Jahreszeugnis war ich sehr stolz.«
Sajjad kommt jetzt ins Abschlussjahr. Er möchte gerne nach seinem IB studieren, am liebsten Wirtschaft und Umweltwissenschaften. Das Konzept der Nachhaltigkeit liegt ihm sehr am Herzen. Während der Schulferien bleibt er bei der Gastfamilie in Ettenheim. Einen Besuch in Pakistan kann er nicht unternehmen. Solange sein Asylverfahren läuft, darf er Baden-Württemberg nicht verlassen. Zum Glück kommt die Welt zu ihm ins UWC College.